Keiss Stefan

_______________________________________________

wurde als Sohn von Keiss Stefan und dessen Ehefrau Franziska, geb. Lehertshuber, am 24. Dezember 1913 in Dorfen geboren.

Geburtsurkunde Nr. 70 der Gemeinde Dorfen
vom 27. Dezember 1919 über die Geburt des
Kindes "Keiss Stefan"
mit dem Vermerk des Todes im (Vernichtungs-
lager) Grafeneck (Gemeinde Gomadingen in
Baden-Württemberg) am 28. Januar 1940
(Urkunde Nr.9/1940).

(siehe auch unter "Vernichtungslager Gomadingen")


Abb. oben : Anstalt Eglfing-Haar bei München

Der Aufenthalt von Keiss Stephan ist in der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar bei München, Obb., nachzuweisen.
Dem Abgangsbuch der Anstalt Eglfing-Haar ist zu entnehmen :

          Abgangsdatum : 18.01.1940
          Name : Keiss, Stefan, ohne Beruf
          Heimat : München
          Zugang am : 17.04.1930
          Abgang : "überstellt in eine Reichsanstalt"

Zwar ist dem Abgangsbuch nicht zu entnehmen, wohin die Verlegung erfolgte; es steht aber ausser Zweifel, dass die am 18./20. Januar 1940 durchgeführten Verlegungen "in eine Reichs-anstalt" (insges. 47 Patienten) nach Grafeneck erfolgte.
Das ist einerseits durch die späteren Aussagen des Grafenecker Anstaltsleiter, Dr. Schumann, belegt, der davon sprach, dass die ersten, in Grafeneck umgebrachten Patienten aus Eglfing-Haar stammten und er diese persönlich abholte.

Ferner war Grafeneck zu diesem Zeitpunkt die einzige schon existierende Vernichtungsan-stalt, erst im Laufe des Jahres 1940 kamen weitere hinzu (Brandenburg und Hartheim bei Linz in Österreich).
Verschleierungsmassnahmen konnten somit erst ab Mitte 1940 einsetzen, als einerseits die Opferzahlen stiegen und es für die Täter schwieriger wurde, die Morde zu vertuschen. Ein Austausch von Patientenakten und fingierte Todes-Benachrichtigungen aus anderen An-stalten, konnten ferner erst mit der Existenz weiterer Tötungsanstalten vorgenommen wer-den.
Es scheint somit sehr wahrscheinlich, dass Keiss Stephan aus Eglfing-Haar nach Grafeneck transportiert wurde und dort, vermutlich unmittelbar nach seiner Ankunft umgebracht wurde (d.h. das Todesdatum auf der Geburtsurkunde dürfte falsch sein).

Erst mit Eröffnung der Tötungsanstalt in Hartheim bei Linz (Österreich) im Mai 1940, wurden die Patienten aus Eglfing-Haar bei München dorthin verlegt und dort umgebracht.

(mitgeteilt durch Schreiben des Bezirks Oberbayern in München vom 29. Aug. 2008).

_______________________________________________

Vernichtungslager Gomadingen

_______________________________________________



Das Jagdschloss Grafeneck, über dem Dolderbach in Gomadingen-Marbach auf der Schwä-bischen Alb, Kreis Reutlingen in Baden-Württemberg, 65 KM südlich von Stuttgart gelegen, Burg der im Jahre 1261 erstmals erwähnten Brüder von Grafeneck, beherbergte seit 1928 ein Heim für die Versorgung "krüppelhafter u. gebrechlicher Leute", der im Jahre 1885 gegrün-deten Samariter-Stiftung in Stuttgart. (1)

Am 14. Oktober 1939 beschlagnahmte das Württembergische Innenministerium die Einrich-tung aufgrund des "Reichsleistungsgesetzes" (1) für Zwecke des Reiches mit der Auflage, das Schloss innerhalb von zwei Tagen zu räumen. Grafeneck wurde zum Standort für die erste Vernichtungs- und Tötungsanstalt (1) der Aktion T4 umfunktioniert und mit einer Gaskammer
ausgestattet und somit Vorbild mit modellhaften Charakter für alle späteren "industriellen" Vernichtungsanlagen des Nazi-Regimes. Erster Leiter und ärztlicher Direktor der Vernich-tungsanstalt Grafeneck war Dr. Horst Schumann, ab Herbst 1942 Lagerarzt in Auschwitz. (1)

    

Abb. oben (links und rechts) : 

                Dr. med. Horst Schumann (1906-1983)
                (Bildnachweis: Hess. Hauptstaatsarchiv Wiesbaden,
                Abt. 631 a,Bd. 535)

                Dr. Horst Schumann war der erste ärztliche Direktor der "Landes-
                pflegeanstalt Grafeneck" und leitete seit Oktober 1939 die Um-
                wandlung Graenecks von einer Einrichtung für behinderte Men-
                schen in eine Vernichtungs- u. Tötungsanstalt.
                Ab Jan. 1940 lag bei Dr. Schumann die Gesamtverantwortung f. die
                Durchführung der Morde in Grafeneck. Persönlich leitete er die 
                erste "Verlegung" von Opfern nach Grafeneck. Mit einem d. grauen
                Busse wurden 25 männliche Patienten nach Grafeneck deportiert.
 

Ende Januar 1940 begann die "Geheime Reichssache Grafeneck". Die "Landes-Pflegeanstalt
Grafeneck" war die erste von sechs Einrichtungen, in denen die NS-Machthaber ihre "Aktion Gnadentod" genanntes Mordprogramm an mehr als 70.000 Menschen mit geistigen Behinder-ungen und psychischen Erkrankungen, einer Schicht mit "erbbiologisch, gesellschaftlicher Minderwertigkeit, Defektmenschen, Ballastexistenzen" durchführten. (1)

Bis Dezember 1940 wurden 10.654 Kinder, Frauen und Männer in grauen Bussen der T4-Trans-portstaffel Gemeinnützige Krankentransport Gmbh (1), nach Grafeneck deportiert und als "lebensunwertes Leben" ermordet.

Von den Opfern stammten 4.000 aus württembergischen und hohenzollerischen, 4.500 aus badischen und über 2.000 aus bayerischen und nichtsüddeutschen Heil- und Pflegeanstalten Hessens, sowie der preussischen Rheinprovinz - allein aus Bayern 1.864 bisher bekannte Opfer.

Die ersten Opfer für die Euthanasie vorgesehenen Kranken, stammten aus der Heil- u. Pfelge-anstalt Eglfing-Haar. Obermedizinalrat Dr. Hermann Pfannenmüller, Direktor von Eglfing-Haar,
war überzeugter Befürworter der Euthanasie und als Gutachter für die T4- Behörde tätig.
Aus seiner Anstalt gingen am 18. und 20. Januar die ersten Verlegungen nach Grafeneck.
Am 18. Januar betraf dies 25 männliche und am 20. Januar 22 weibliche
Kranke, die dorthin verbracht wurden. (1)

In seiner Funktion als Anstaltsdirektor äusserte sich Dr. Pfannenmüller 1939 folgend : "Für mich ist die Vorstellung untragbar, dass beste, blühende Ju-gend an der Front ihr Leben lassen muss, damit verblödete Asoziale und unverantwortliche Antisoziale in den Anstalten ihr gesichertes Dasein haben. (2)

Ihre Leichen wurden verbrannt, die Asche verstreut, die Spuren ihres Lebens verwischt, die Verbrechen vertuscht. Nichts sollte mehr an die Opfer und Täter erinnern.

Nach Grafeneck folgten 1940 die Vernichtungsanstalten Brandenburg bei Berlin, Bernburg bei Magdeburg und Hartheim bei Linz.

Nach der Schliessung von Grafeneck (im Dezember 1940 - vermutlich aufgrund des Unmuts in der Bevölkerung, des Protestes aus Kirchenkreisen und aus der NSDAP) und Brandenburg bei Berlin, folgten 1941 Sonnenstein bei Dresden u. Hadamar bei Frankfurt am Main, wohin nach der Schliessung Grafenecks die Patienten verlegt wurden. (1)

Nach ihrer Fortsetzung im hessischen Hadamar wurde die Aktion T4 im Herbst 1941 einge-stellt.

1947 erhielt die Samariterstiftung Grafeneck von den französischen Behörden zurück. Seither dient das Schloss wieder als diakonische Einrichtung für Behinderte.

Zum Gedenken an die Ermordeten wurde 1990 die Gedenkstätte Grafeneck u. 1998 der "Al-phabet-Garten" durch die amerikanische Künstlerin "Diane Samuels" aus Pittsburgh errichtet - 26 Granitquader, darauf eingemeisselt je ein Buchstabe des Alphabets.

Aus diesen 26 Buchstaben sind die Namen aller Opfer - der namentlich bekannten, wie auch der unbekannten - abgebildet.

Mit der Euthanasieanstalt war ein eigenes Sonderstandesamt verbunden, das am 12. Dezem-ber 1939 für diese "planwirtschaftliche Massnahme" eingerichtet wurde. (1)

Seit Abschluss des Euthanasieverfahrens besteht das Standesamt Grafeneck nicht mehr, es sind auch keine Sterberegister und Akten mehr vorhanden.
Diese sind vernichtet, entweder durch Kriegseinwirkung doer bewusst bei Kriegsende.
Gegen die am Euthanasieverfahren beteiligten Personen wurden Voruntersuchungen und Strafverfahren vor dem Schwurgericht in Tübingen durchgeführt.

Abb. oben :

       Christian Wirth, erster Büroleiter und 
       Leiter des Sonderstandesamtes Grafeneck
       (Bildnachweis: Hauptstaatsarchiv Stuttgart,
       E 151/21, Bü. 1684)

siehe unter :
http://www.gedenkstaette-grafeneck.de
http://www.knitz.net/gallery2/main.php?g2_itemId=109&g2_page=12
http://www.grafeneck.finalnet.de/personal_stoeckle.php
http://www.deathcamps.org/euthanasia/grafeneck_d.html

(1)   Thomas Stöckle - Grafeneck 1940, Die Euthanasie-Verbrechen in Südwestdeutsch-
       land (2002)
(2)   Gerhard Schmidt - Selektion in der Heilanstalt 1939 - 1945 (1983)

    

Ansicht oben (von links nach rechts) :

Abb. 1 :   Ansicht der Heil- u. Pflegeanstalt Grafeneck,
              Gem. Gomadingen, Baden-Württemberg
              (entnommen: Thomas Stöckle - Grafeneck 1940, Die Euthanasie-
              Verbrechen in Süddeutschland, 2002)
Abb. 2 :   Die grauen Busse, mit denen die zur Euthanasie bestimmten nach
              Grafeneck verbracht wurden 
              (entnommen: Buch "Aktion T4", Edition Hentrich,
              1989)

    

Abb. 3 :   Ansicht des Euthanasie-Schuppens 
              mit der Gaskammer in der Euthanasie- 
              Anstalt Grafeneck, Gem. Gomadingen
Abb. 4 :   Lageplan der Euthanasieanstalt T4 in
              Grafeneck, Gem. Gomadingen

    

Abb. 5 :   Gedenkstätte Grafeneck
              
Abb. 6 :   Gedenkbuch der in Grafeneck durch das Euthanasie-
              verfahren umgekommenen Insassen, der Gedenk-
              stätte Grafeneck

Abb. 1 :   Anfahrtsskizze zur Gedenkstätte
              Grafeneck, Gem. Gomadingen

_______________________________________________


Keiss Franziska - Sr. M. Raphaela

_______________________________________________


wurde im Jahre 1885 als Tochter des Gütlersehepaars Keiss Georg und Elisabeth, geb. Eder, in Eggersbach, Gemeinde Mitterskirchen in Nby. geboren; Ordensschwester im Erziehungs-heim und Kloster Vom Guten Hirten in Mainz; Einkleidung in München am 11. Mai 1914, am 11. Mai 1916 Profess in München und Ewige Profess am 13. November 1919, ebenfalls in Mün-chen. Am 07. September 1951 nach Mainz versetzt.
Arbeitete als Laienschwester mit den Mädchen des Erziehungsheims im Garten des Klosters und wurde von den Mitschwestern und Mädchen des Heimes gleichermassen geschätzt.

Nach beendeten Exerzitien ging sie mit zwei Mädchen des Erziehungsheims in den Garten, um Obst einzusammeln, wo sie zusammenbrach und verstarb.
Beisetzung im Grab des Ordens im Mainzer Hauptfriedhof.
Das Kloster wurde 1969 aufgelöst und die Grabstelle 1987 aufgegeben und die Schrifttafeln vom Orden entfernt, der Grabstein jedoch erhalten.


  

Abb. oben (von links nach rechts) :

Abb. 1 :   Ansicht des Klosters der Schwestern zum Guten Hirten in Mainz
              vor dem Umbau.
              Als
Kloster im Jahre 1969 aufgelöst (heute Kinderneurologisches
              Zentrum in Mainz)
Abb. 2 :   Prozession im Klostergarten der Schwestern zum Guten Hirten in
              Hirten im Mainz - Schwester M. Raphaela Franziska Keiss vierte
              Schwester von rechts

   Abb. 3 :   Schwester M. Raphaela Franziska Keiss (Mitte) 



Erinnerungen an Sr. M. Raphaela
(von Mitschwester Maria Amata Henrich)

"1958 kam ich nach Mainz und habe die liebe Schwester M. Raphaela in bester Erinnerung. Im Garten war ihre Arbeit. Mit grosser Umsicht und sehr gut war alles gepflegt, was ihr Freude machte. Der eigene Brunnen war auch in Dürrezeiten ihr Glück für die Pflenzen. So war es auch nicht verwunderlich, dass die liebe Schwester auch ausserhalb der Arbeitszeiten gerne durch den Garten ging.
An einem Samstagnachmittag ging sie bei sonnigem Wetter zur Anhöhe, bei den Aprikosen-bäumen setzte sie sich und war gleich in der Ewigkeit.
Der Hausgeistliche war nur wenige Schritte von iihr und wollte mit ihr nach seiner Gewohn-heit sich ein wenig unterhalten, er konnte der lieben Schwester nur noch die Sterbe-sakramente geben.

Für mich war Sr. m. Raphaela die erste der Mitschwestern, welche ich in den Sarg betten durfte. Schweren Herzens, doch sehr gern haben ich dies getan.

Sie war eine stille, aber frohe Schwester. Sie hat auch den zigeunern das gestohlene Obst nicht abgenommen, wenn sie dazukam; die brauchten es doch für ihre Kinnersche. Dem Fotografen ging sie aus dem Weg, so gibt es nur das Bild bei der Fronleichnamsprozession.

Soweit mir bekannt ist, war Sr. M. Raphaela auch in den Kriegs- und Nachkriegsjahren in Mainz und wie die Schwestern damals, hat sie auch aus den Trümmern noch Steine und Brauchbares zum Neuanfang mit dem handwagen durch die Stadt gefahren.
Ich denke noch gerne an die Mainzer-Schwestern meiner Zeit. Es war eine sehr frohe Ge-meinschaft."

(erhalten von Sr. M. Laetitia Scherer, Oberin d. Schwestern zum Guten Hirten St. Gabriel, Südwestdeutsche Ordensprovinz in München)